Eine zukunftsfähige Pädagogik

Der Erwachsene als aktiver, schöpferischer Gestalter von Beziehungen aus lichten Gedanken heraus steht durch seine Fähigkeit der Selbsterziehung im Mittelpunkt.

Wie kann eine zukunftsfähige Pädagogik aus klaren Gedanken heraus im schönsten Sinne vom Menschen so gestaltet werden, dass von diesen ausgehend heilsame Kräfte in der Welt entstehen und wirksam werden?

Blicken wir auf die vielen belastenden Alltagssituationen, in denen Eltern, Erzieher und Pädagogen heute ausnahmslos stehen, so türmen sich viele Fragen nach dem Umgang damit auf. Alleine aus der gewohnten Logik heraus betrachtet bleiben sie oftmals unbeantwortet. Aus dieser Unbeantwortbarkeit heraus ergeben sich Störungen, Unzufriedenheiten und eine Ruhelosigkeit im Leben bis hin zu einer unglaublich erdrückenden Last, die der Einzelne empfindet.

Schaut man einmal auf wenige dieser Lebensfragen, die belastend den Familien- oder Schulalltag bestimmen, so zeigt sich zum Beispiel, wie schwierig es inzwischen oftmals geworden ist, mit Kindern und Jugendlichen in ein schönes Gespräch zu kommen. Manche der Kinder verschließen sich völlig, möchten in Ruhe gelassen werden und sitzen häufig stundenlang vor technischen Geräten. Wie hilflos steht der Einzelne auch der in vielfältigsten Situationen beobachtbaren Konzentrationsschwäche bei Kindern und Jugendlichen gegenüber. Gleichsam vor einem unüberwindbaren Hindernis stehend fühlt man sich, wenn Kinder nicht mehr in die Schule möchten, sich unter ihrer Bettdecke verkriechen oder einfach nach einem Schultag völlig frustriert nach Hause kommen. Hausaufgaben, die nicht mehr bearbeitet werden möchten, kommen erschwerend zu allen Anforderungen hinzu.

Wie groß die Bemühungen der Eltern und Pädagogen sind, mit welcher Kraft auch versucht wird die Probleme zu lösen, so münden häufig all diese gut gemeinten Anstrengungen, unterbrochen von kurzen Entspannungsphasen, in einer weiteren Sackgasse.

Unser tiefes Anliegen ist es, diese Lebensrätsel auf pädagogischem Gebiet aus einer geistigen Sicht heraus anzuschauen, wie wir sie – vermittelt durch unseren Lehrer Dr. med. Jens Edrich – bei dem Geistforscher Heinz Grill als auch in weisheitsvollen Schriften von Rudolf Steiner, Johann Wolfgang von Goethe, Mahatma Gandhi, der Bhagavad Gita, den Evangelien oder anderen studieren können. Sogleich wollen wir aus dieser Perspektive heraus eine auf das Ganze bezogene Entwicklung anstreben.

Ein Erzieher, der sich um eine solche Herangehensweise bemüht, stellt sich beispielsweise die selbstkritische Frage mit welcher Erwartungshaltung er dem Kinde und Jugendlichen begegnet, und wie er durch diese oftmals auf ungesunde Weise an dem Kinde „herumzieht“. Wie schön wäre es dagegen, wenn es ihm gelänge die von ihm vermittelten Inhalte so wahrheitsvoll und schön zu gestalten, dass diese aus sich heraus auf eine natürliche Weise „anziehend“ und damit auch „erziehend“ wirken könnten!

In einem Vortrag spricht Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang vom richtigen Begriff des „Heranziehens“:
„Man redet eigentlich nur von Selbsterziehung, wenn man meint die Art, wie der Mensch sich selber erzieht; aber alle Erziehung ist nicht nur in diesem subjektiven Sinne, sondern auch im objektiven Sinne Selbsterziehung, nämlich Erziehung des Selbstes des andern. Und im Deutschen hängt erziehen zusammen mit ziehen. Was man heranzieht, läßt man aber in seiner Wesenheit ungeschoren. Will man einen Stein aus dem Wasser ziehen, so zerschlägt man ihn nicht.“ 1

Gelingt die Beziehung zum Kinde und Jugendlichen aus einem konkreten, wahren bildhaften Inhalt heraus, den sich der Erwachsene errungen hat, so findet die Begegnung nicht mehr linear und damit polar statt, sondern gründet sich in diesem, beide Seiten verbindenden Inhalt selbst. Die Polaritäten zwischen beiden Seiten sind damit in diesem Inhalt überwunden.

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Die im Dreieck bildlich dargestellte horizontale Beziehungsebene stellt im weitesten Sinne für alle menschlichen Beziehungen die heute übliche Grundlage dar. Zugleich aber kann man erleben, dass diese rein horizontale Ebene ohne das dritte Element eines verbindenden Inhaltes durch gegenseitige Erwartungen, Enttäuschungen und Abhängigkeiten immer spannungsgeladener wird und eine wirkliche Beziehung nicht wirklich ermöglicht. Ab jenem Moment, in dem sich der Erzieher dazu entschließt, sich zu einem bildhaften wahren Inhalt aufzurichten, diesen gegen die inneren und äußeren Widerstände ruhig aufrecht zu erhalten und zur Verfügung zu stellen und aus diesem heraus auf das Kind zu blicken, so handelt er nicht mehr nach seinen, ihm als real erscheinenden Gefühlen und seinem persönlichen Begehren, sondern beginnt sein Handeln nach diesem konkreten, als wahr empfundenen und erkannten Inhalt auszurichten. Ein Raum entsteht, der eine freiere Begegnung mit neuen Gestaltungsformen ermöglicht. Die Dinge um den Erzieher herum beginnen sich zu beruhigen und zu ordnen.

„Bildhaft entzündet damit das Kind, begleitet von den Gedanken des Erwachsenen, sein inneres Licht an einem höheren Licht, um es dann nach außen in die Welt tragen und erstrahlen lassen zu können.“3 Das höhere Licht ist dabei der Inhalt, der den Erwachsenen mit dem jungen Menschen verbindet.

Die Handlungen des Erwachsenen gehen nicht mehr aus den gängigen Vorstellungen oder idealisierten und emotional gebundenen Erwartungen an den Zögling hervor, vielmehr entstammen sie übergeordneten, universal gültigen Inhalten und Menschheitszielen.

Um sich im Getriebe des Alltags mit seinen vielfältigsten Aufgaben, scheinbaren Verpflichtungen und Ablenkungen nicht von den aufkommenden emotionalen, spaltenden und überflutenden Gefühlen bestimmen zu lassen um damit nicht wie ein Boot auf den Meereswellen hin- und hergeworfen zu werden, bedarf es also der Bereitschaft zu Selbsterkenntnis und einer beständigen Selbstüberwindung hin zu übergeordneten inhaltsvollen Zielen.

So schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe in seiner Italienischen Reise (Band 1) über das Wissen, das der Mensch eigentlich hat und den Zusammenhang zum Üben des Wissens: „Welch ein früh wissendes und spät übendes Geschöpf ist doch der Mensch!“

Auch der Geistforscher Heinz Grill betont: „Eine Autorität beruht immer auf wahrhaftigen Werten, die über die Zeiten und Zonen hinweg ihren gediegenen Charakter behalten. Solange wir nur nach einem äußeren Selbstbewusstsein und nach materiellen Zielen streben, erschaffen wir trennende Gefühle und eine wachsende seelische Not im Dasein. Durch die tiefere Suche nach Wahrheit und durch eine reale, mutige Verwirklichung der hohen und höchsten Werte des Menschseins entfalten wir eine Persönlichkeit und eine rationale Autorität.“4

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Welche heilsam-pädagogische Kraft von einem Menschen ausgeht, der wahre Gedanken ausstrahlt und aus diesen heraus ein anderes Wesen in seinem wahren künftigen Kern erkennt, zeigt in schöner und eindrücklicher Weise das Märchen der Brüder Grimm von „Schneeweißchen und Rosenrot“.
Die Mutter der beiden Mädchen Schneeweißchen und Rosenrot ist im materiellen Sinne arm, gleichwohl strahlt sie auf besondere Weise eine stille und sanfte Autorität aus, die auf wahrhaftigen Werten beruht und dem gesamten Märchen eine Ruhe und Ordnung schenkt. „Oft liefen Schneeweißchen und Rosenrot im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wussten. Kein Unfall traf sie: Wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wusste das und hatte ihretwegen keine Sorge.“

Gleichmütig begegnet die Mutter den Widerständen und Rätseln des Lebens und wirkt hieraus wohltuend und verwandelnd auf die Umgebung. So auch an einem Winterabend, als ein Bär seinen dicken schwarzen Kopf in das kleine Häuschen hereinstreckt und danach frägt sich aufzuwärmen. Alle um die Mutter herum erschrecken zutiefst. „Rosenrot schrie laut und sprang zurück, das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett.“ Ruhig antwortet die Mutter auf die Bitte des Bären. „Du armer Bär, leg dich ans Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt.“6 Und indem sie so den Bären frei von Furcht und Abwehr betrachtet, erkennen sie und ihre Kinder nach und nach dessen wahres menschliches Wesen und können dadurch wesentlich dazu beitragen, dass jenes allmählich „entzaubert“ und freigelegt werden kann.

Ein wahrer Erkenntnisgedanke – wie im Falle des Märchens die Erkenntnis des menschlichen Wesenskerns des Bären – der angstfrei ist und keinen Zweifel zulässt am Gelingen einer Sache, und dadurch eine unerschütterliche Gewissheit ausstrahlt, entzündet im Einzelnen eine stille Freude, die wie ein zarter, zukunftsfähiger Keim einer lebendigen Pädagogik zu wachsen beginnt und sich einmal befreiend wirksam erweisen wird.

Michael Bullinger und Andrea Steger

Quellenangaben:

1-Rudolf Steiner, Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, Rudolf Steiner Verlag Dornach/Schweiz 1986, GA 308 S. 81
2-Zeichnung Heinz Grill, abgeändert
3-Jens Edrich, Joschua und der Bär, Eine Geschichte zur Adventszeit, Verlag BoD 2024, S. 34f
4-Heinz Grill, Erziehung und Selbsterziehung, Die Seele als schöpferisches Geheimnis der werdenden Persönlichkeit, Lammers-Koll-Verlag e. K. 2001, S. 26
5-Jens Edrich, Joschua und der Bär, Eine Geschichte zur Adventszeit, Verlag BoD 2024, Bild Marika Edrich, S. 25
6-Textauszüge aus Daniela Drescher, Hans Christian Andersens schönste Märchen, Urachhaus 2. Auflage 2018, S. 280ff